|

Die neue Welle der Repression und Hinrichtungen im Iran: Politische Strategie eines Regimes im Überlebenskampf

Nach dem zwölftägigen Krieg zwischen dem Iran und Israel im Frühjahr 2025 hat die Islamische Republik Iran eine massive Welle der Repression und Exekutionen entfesselt. Diese Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit der tiefen politischen, sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Krise, in der sich das Regime seit längerem befindet – eine Krise, die sich durch die militärische Demütigung im Konflikt mit Israel und durch den zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Legitimität verschärft hat. Die vorliegende Analyse untersucht die Ursachen, Mechanismen und Auswirkungen dieser Repressionswelle sowie mögliche zivilgesellschaftliche und internationale Gegenstrategien.

1. Politische, sicherheitspolitische und gesellschaftliche Ursachen der neuen Hinrichtungswelle

Im ersten Halbjahr 2025 wurden laut Vereinten Nationen mindestens 612 Menschen im Iran hingerichtet – mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres1. Diese Zahl ist besonders alarmierend, da sie größtenteils noch vor dem Krieg mit Israel erhoben wurde. In der Zeit unmittelbar nach dem Konflikt nahm die Repression dramatisch zu: über 2.000 Personen wurden unter dem Vorwurf der Spionage für Israel festgenommen – ein Delikt, das im Iran regelmäßig mit der Todesstrafe geahndet wird 1.

Die politischen Beweggründe hinter dieser Eskalation sind offensichtlich: Die Regierung versucht, den Kontrollverlust und ihre Schwäche zu kaschieren, indem sie nach innen Stärke demonstriert. Die Verlagerung der „Vergeltung“, die gegen Israel nicht möglich war, auf die eigene Bevölkerung, zeigt das sicherheitspolitische Kalkül eines Regimes, das seine Machtbasis zunehmend bedroht sieht1.

2. Die Funktion von Hinrichtungen als Herrschaftsinstrument

Im Jahr 2024 wurden im Iran mindestens 972 Menschen exekutiert – ein Rekordwert seit 20152. Die Todesstrafe dient dabei nicht nur der Ahndung schwerer Verbrechen, sondern ist ein bewusst eingesetztes Herrschaftsinstrument, um Dissens zu unterdrücken und die Gesellschaft in Angst zu versetzen.

Insbesondere ethnische Minderheiten (Kurden, Belutschen, Afghaninnen) sowie politische Aktivistinnen, Demonstrierende und Menschenrechtsverteidiger*innen sind davon betroffen2.

Die Anwendung der Todesstrafe bei „Verbrechen“ wie „Feindschaft zu Gott“ oder „Verdorbenheit auf Erden“ verstößt gegen völkerrechtliche Standards und zeugt von der Instrumentalisierung der Justiz zur politischen Disziplinierung der Gesellschaft 2.

3. Psychosoziale Auswirkungen auf die iranische Gesellschaft

Diese gezielte Repression erzeugt in der iranischen Bevölkerung ein kollektives Klima der Angst, Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Die ständige Drohung mit Verhaftung, Folter und Exekution – oftmals nach Schauprozessen – wirkt lähmend auf jede Form gesellschaftlicher Mobilisierung. Gleichzeitig fördert die Gewaltspirale aber auch einen inneren Rückzug ins Private, Misstrauen untereinander und die Zersetzung sozialer Bindungen – allesamt Mechanismen, die autoritäre Herrschaft stabilisieren sollen 3.

4. Kann das Regime durch Terror seine Autorität wiederherstellen?

Die systematische Anwendung von Terror durch Exekutionen mag kurzfristig zur Eindämmung von Protesten führen, langfristig aber untergräbt sie die politische Legitimität des Regimes weiter. Die jüngste Repressionswelle wirkt wie ein verzweifelter Versuch, Kontrolle wiederzugewinnen – doch im Zeitalter globaler Vernetzung, digitaler Kommunikation und zunehmender internationalen Beobachtung stößt dieser Ansatz an seine Grenzen. Auch die „innere Emigration“ der Bevölkerung und die wachsende Zahl junger Menschen, die das Land verlassen oder verlassen wollen, zeigen, dass der Repressionsapparat keine echte Bindung mehr schafft, sondern lediglich Furcht 4.

5. Zivilgesellschaftlicher und internationaler Widerstand

Trotz widriger Umstände existieren in der iranischen Zivilgesellschaft vielfältige Formen des Widerstands – von Familien der Hingerichteten über Menschenrechtsgruppen im Exil bis hin zu mutigen Einzelstimmen im Inneren. Die internationalen Menschenrechtsorganisationen (z. B. Amnesty International, Human Rights Watch, UNHRC) fordern einen sofortigen Hinrichtungsstopp und die Freilassung politischer Gefangener 256.

6. Vergleich autoritärer Repressionsstrategien

Die Instrumentalisierung von Angst, Gewalt und öffentlicher Bestrafung zur Stabilisierung von Macht ist ein wiederkehrendes Merkmal autoritärer Systeme. Der Iran steht mit seiner aktuellen Hinrichtungswelle in einer historischen Linie repressiver Regime, die versuchten, durch Terror Widerstand zu brechen – mit sehr unterschiedlichen Erfolgen und Konsequenzen.

a) Französische Revolution (1793–1794)

In der Phase des jakobinischen Terrors unter Robespierre wurden zehntausende tatsächliche oder vermeintliche Feinde der Revolution durch das Revolutionstribunal zum Tode verurteilt. Ziel war die politische „Säuberung“ der Republik. Die Guillotine wurde zum Symbol eines Staates, der Legitimität durch Schrecken erzeugen wollte 7. Der Terror radikalisierte jedoch die Gewalt und endete mit Robespierres Sturz 8.

b) Russische Revolution und der Rote Terror (1918–1922)

Nach der Oktoberrevolution etablierten die Bolschewiki ein System staatlich sanktionierter Gewalt gegen politische Gegner. Die Tscheka wurde zum Werkzeug des „Roten Terrors“, der angeblich dem Schutz der Revolution diente. Hunderttausende Menschen fielen der Gewalt zum Opfer 910.

c) Chile unter Pinochet (1973–1990)

Nach dem Militärputsch gegen Allende errichtete General Pinochet ein brutales Repressionsregime. Politische Gegner wurden durch Folter, Exekutionen und das „Verschwindenlassen“ ausgeschaltet 11. Die „Caravan of Death“ steht exemplarisch für den gezielten Staatsterror. Trotz kurzfristiger Stabilisierung führte die systematische Gewalt letztlich zur internationalen Isolation und zum Reputationsverlust des Regimes 12.

d) Apartheid-Regime in Südafrika (1948–1994)

Das südafrikanische Apartheid-Regime unterdrückte die schwarze Bevölkerung durch systematische Gewalt, politische Inhaftierungen und Hinrichtungen. Die Repression betraf insbesondere Widerstandsfiguren wie Nelson Mandela und Steve Biko 13. Internationale Sanktionen und ein starker zivilgesellschaftlicher Widerstand führten letztlich zur Aufhebung des Apartheid-Systems 14.

Fazit

In allen genannten Fällen zeigte sich: Repression und Exekutionen können kurzfristig zur Stabilisierung autoritärer Herrschaft beitragen, doch langfristig führen sie zur inneren Erosion des Systems, internationaler Isolation oder letztlich zum Zusammenbruch des Regimes. Der Iran steht heute an einem ähnlichen Scheideweg wie viele diktatorische Systeme vor ihm. Je massiver die Gewalt, desto klarer der Ausdruck existenzieller Schwäche.

Die gegenwärtige Hinrichtungswelle im Iran ist Ausdruck einer autoritären Verzweiflungstat. Das Regime versucht, mit maximaler Gewalt den Kontrollverlust nach innen zu kompensieren, den es außenpolitisch nach dem Krieg mit Israel erfahren hat. Doch weder Repression noch Hinrichtungen werden die tiefe Legitimationskrise lösen können. Umso wichtiger ist der Druck der internationalen Gemeinschaft und die Unterstützung der iranischen Zivilgesellschaft im Kampf gegen diese menschenverachtende Politik.

Literaturverzeichnis:

  1. ND aktuell (2025). Irans Hinrichtungswelle – ein Regime im Überlebenskampf. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192941.iran-irans-hinrichtungswelle-n-ein-regime-im-ueberlebenskampf.html 2 3
  2. Amnesty International (2025). Iran – Kritik an wachsender Zahl von Hinrichtungen. https://amnesty-todesstrafe.de/2025/04/iran-kritik-an-wachsender-zahl-von-hinrichtungen/ 2 3 4
  3. Amnesty International (Juli 2025). Horrifying secret executions amid mounting political repression. https://www.amnesty.org/en/latest/news/2025/07/iran-horrifying-secret-executions-amid-mounting-political-repression/
  4. Center for Human Rights in Iran (Juni 2025). Political prisoners on death row in Iran at grave risk amid war. https://iranhumanrights.org/2025/06/political-prisoners-on-death-row-in-iran-at-grave-risk-amid-war/
  5. UNHRC (Juli 2025). Türk calls on Iran to halt executions. https://www.ohchr.org/en/press-releases/2025/07/turk-calls-iran-halt-use-death-penalty-amid-worrying-surge-executions
  6. Amnesty International (Juni 2025). Iran: Arbitrary execution of woman protester after sham trial and torture. https://www.amnesty.org/en/latest/news/2025/06/iran-arbitrary-execution-of-woman-life-freedom-protester-after-sham-trial-and-torture/
  7. Doyle, William (1989). The Oxford History of the French Revolution. Oxford University Press.
  8. Schama, Simon (1989). Citizens: A Chronicle of the French Revolution. Penguin Books.
  9. Figes, Orlando (1996). A People’s Tragedy: The Russian Revolution 1891–1924. Jonathan Cape.
  10. Werth, Nicolas (1999). Der rote Terror. Sowjetunion: Von der Revolution bis zum Stalinismus. In: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Piper Verlag.
  11. Constable, Pamela & Valenzuela, Arturo (1993). A Nation of Enemies: Chile Under Pinochet. W.W. Norton & Company.
  12. Huneeus, Carlos (2007). The Pinochet Regime. Lynne Rienner Publishers.
  13. Mandela, Nelson (1994). Long Walk to Freedom: The Autobiography of Nelson Mandela. Little, Brown and Company.
  14. Truth and Reconciliation Commission of South Africa Report (1998). Volume 1. https://www.justice.gov.za/trc/report/