Ein Kommentar zur Bedrohung der akademischen Freiheit in den USA und ein dringender Appell an die globale Wissenschaftsgemeinschaft
Die jüngsten politischen Angriffe der Trump-Regierung auf die Harvard University können als eine beunruhigende Eskalation im Verhältnis zwischen Regierungsmacht und akademischer Autonomie in den Vereinigten Staaten gewertet werden. In einer beispiellosen Konfrontation mit einer der international renommiertesten Universitäten fordert Präsident Donald J. Trump eine ideologische Säuberung, die unter dem Deckmantel nationaler Interessen durchgeführt werden soll. Die Weigerung der Harvard University, diesen Forderungen nachzugeben, ist als Akt moralischer und intellektueller Standhaftigkeit zu interpretieren. Dies erfordert nun eine uneingeschränkte, globale Solidarität.
Eine autoritäre Agenda in neuem Gewand
Gemäß einem investigativen Bericht der New York Times vom 14. April 2025 lehnte Harvard die Forderungen der US-Regierung, Forschende mit bestimmten politischen Haltungen zu entlassen, Lehrinhalte zu „überprüfen“ und sich politischen Vorgaben bei Forschungsanträgen zu unterwerfen, kategorisch ab (Quelle).
Als Reaktion auf die vorangegangenen Ereignisse initiierte die Regierung eine Untersuchung des Sachverhalts und kündigte an, die Fördermittel einzufrieren. Diese Tendenz ist nicht nur auf Harvard und die ebenfalls massiv kritisierte Columbia beschränkt, sondern könnte sich auf eine Vielzahl weiterer Hochschulen ausweiten, wie beispielsweise in einem Bericht von Reuters vom (15. April 2025) dargelegt wird.
Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass es sich um einen gezielt durchgeführten Versuch handelt, Hochschulen durch finanzielle Erpressung in eine gefügige Position zu bringen. Dieses Instrumentarium erinnert historisch an die dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte.
Der Schatten der Geschichte
Die Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus sind beunruhigend deutlich: Auch im nationalsozialistischen Deutschland wurden Universitäten auf Linie gebracht, missliebige Professoren entlassen, jüdische oder regimekritische Intellektuelle verfolgt und Exzellenz durch Gehorsam ersetzt. Der „Arierparagraf“ sowie die Gleichschaltung der Universitäten ab 1933 sind Mahnmale dafür, wie rasch die Freiheit von Forschung und Lehre unter autoritären Regimen ausgelöscht werden kann.
Während sich zu jener Zeit zahlreiche Universitäten durch Schweigen oder Kollaboration der Verantwortung entzogen, ist es heute unsere Pflicht, aktiv zu widersprechen. Die Taktik der Regierung unter Donald Trump, die als „nationales Sicherheitsinteresse“ bezeichnet wird, unbequeme Denkerinnen und Denker zum Schweigen zu bringen, erinnert unheilvoll an historische Muster – und in einer demokratischen Gesellschaft ist ein solches Vorgehen nicht tolerierbar.
Wissenschafts- und Meinungsfreiheit auch in Europa bedroht
Trumps Angriff auf missliebige Universitäten und Forschende ist in der westlichen Welt jedoch kein Einzelfall. Wissenschafterinnen und Wissenschafter, Journalistinnen und Journalisten und ihre Institutionen sind jüngst – vor allem im Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza, in der Ukraine und der Corona-Pandemie – auch in Europa von Zensur, Mittelentzug und Verlust der Lehrbefugnis bedroht. Neben Beispielen in Deutschland – zu erwähnen sind da in unterschiedlichen Zusammenhängen etwa Gabriele Gysi, Ulrike Guérot, Patrik Baab, Werner Köhne oder Michael Meyen – hat sich vor allem die Universität Wien negativ hervorgetan. Sie hat 2023/24 Lehrveranstaltungen zu Palästina unterbunden, hochkarätige Vortragende und Experten ausgeladen und damit die akademische Freiheit verletzt (Quelle). Brendan Ciarán Browne, Assistenzprofessor für Konfliktlösung und Fellow am Trinity College Dublin, der bei einem geplanten Symposium über seine Forschung zu Palästina reden sollte, gehört neben Rashid Khalidi von der Columbia University zu jenen, die der Zensur des Rektorats der Uni Wien zum Opfer fielen (Quelle).
Harvard als Symbol des Widerstands
In einem öffentlichen Statement stellte sich Harvard-Präsident Alan M. Garber mit bemerkenswerter Klarheit gegen die Forderungen Washingtons: „We will not compromise our values in exchange for funding or political favor“ (Harvard Gazette, 14. April 2025). Harvard steht damit nicht nur für sich selbst, sondern für die Würde und Unabhängigkeit aller freien Universitäten.
In der Erklärung „The Promise of American Higher Education“ ruft Garber zur Verteidigung des offenen Diskurses und der Wissenschaftsfreiheit auf – eine Botschaft, die weit über die USA hinausreicht (Harvard.edu, April 2025).
Ein globaler Appell zur Solidarität
Gerade weil auch in Europa Tendenzen der Zensur zunehmen und es sich bei den Vereinigten Staaten traditionell um ein Bollwerk der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit handelt, ist die Erosion dieser Prinzipien besonders besorgniserregend. Die Angriffe auf Harvard und andere amerikanische Universitäten sowie die Zunahme der Einschränkungen von Forschenden, Lehrenden und Journalisten in Europa sind Angriffe auf ein Modell freier Bildung, das weltweit Vorbild war.
Daher fordern wir gemeinsam:
- eine formelle Solidarisierung europäischer Universitäten mit Harvard,
- öffentliche Stellungnahmen internationaler Wissenschaftsnetzwerke, darunter EUA (European University Association), LERU (League of European Research Universities), AAU (Association of American Universities) und die UNESCO,
- einen Schutzmechanismus für gefährdete Forschende, inklusive Stipendienprogramme für von Zensur oder Repression betroffene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – in den USA und in Europa.
Die Wissenschaft ist global. Ihre Bedrohung an einem Ort betrifft uns alle. Schweigen bedeutet Zustimmung – und genau das dürfen wir uns als akademische Gemeinschaft nicht leisten.
Fazit: Für eine Wissenschaft ohne Furcht
Die Politik der Trump-Regierung gegenüber Harvard ist als Warnsignal zu interpretieren. Die Disziplinierung von Wissenschaft durch Angst stellt eine Gefährdung der fundamentalen Prinzipien jeder offenen Gesellschaft dar. Der Zeitpunkt ist gekommen, eine klare Position zu beziehen – nicht morgen, nicht später. Die Geschichte hat uns gelehrt, wohin Schweigen führen kann. Es ist von entscheidender Bedeutung, dies zu verhindern.
Wehret den Anfängen
Harvard steht nicht allein – und darf niemals alleinstehen.
